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Orthopädische Praxis Dr. med. Peter Henning
1) Orthopädie:
a) Behandlung von Rückenschmerzen (Bandscheibenerkrankungen, Osteochondrose)
b) Kopfschmerzen
c) Gelenkverschleiß (Arthrose)
d) Gelenkentzündung (Arthritis)
e) Knochenentkalkung (Osteoporose)
f) Weichteilrheuma (Fibromyalgie)
g) Wachstumsstörungen
h) Unfallbehandlung und Nachbehandlung

2) Chirotherapie:
a) Behandlung von funktionellen Störungen des Bewegungssystems
b) Blockierungen

4) Manuelle Therapie bei Kindern:
Schräglagedeformitäten von Säuglingen und Kleinkindern
Schrei- und Spuckbabies
„3-Monats-Koliken“
„KISS“ (Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung des Säuglings)
“TAS“ (Tonus-Asymmetrie-Syndrom)
Motorische Entwicklungsverzögerung
Sensomotorische Integrationsstörung (Wahrnehmungsstörungen)
Hör-Wahrnehmungs- und –Verarbeitungsstörungen
Sprachentwicklungsverzögerung
Schluckstörungen und Hypersalivation („Sabbern“)
Konzentrationsstörungen
Hyperaktivität
„Wachstumsschmerzen“
Kopfschmerzen
„Hüftschnupfen“ (Coxitis fugax)
Kindlicher Schiefhals
Wachstumsstörungen (Skoliose, Fußdeformitäten)

5) Osteopathische Behandlung (Craniosakrale Therapie)
Tinnitus, Schwindel, Kopfschmerzen (TSK)
Störungen der Kiefergelenke, Kau-Halsmuskulatur (Craniomandibuläre Dysfunktion, CMD)

6) Therapeutische Lokalanästhesie
Spritzenbehandlung von akuten und chronischen Schmerzen,
Muskel- und Sehnenansatzschmerzen
Gelenkschmerzen

7) Akupunktur nach Felix Mann und Yamamoto
Kopfschmerzen
Ischiasschmerzen
Kreuzschmerzen bei Schwangeren

Zu 1a) Rückenschmerzen können viele verschiedene Ursachen haben. Z.B. müssen Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine nicht immer durch einen Bandscheibenvorfall bedingt sein. Ziel der Befragung und Untersuchung soll möglichst exakt die Strukturen analysieren, die für die Funktionsstörung und Schmerzentstehung verantwortlich ist.
Die Untersuchungstechniken der Manuellen Medizin (Chirotherapie) verbessern neben den klassischen orthopädischen und neurologischen Untersuchungen die Strukturanalyse erheblich. Blockierungen und Verkettungen müssen nicht immer mit Strukturläsionen verbunden sein. Die gründliche, v.a. manualmedizinische Untersuchung ergibt ggf. die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen, insbesondere bildgebend Verfahren, wie Röntgen, Computertomografie (CT), Kernspintomografie (MRT), Ultraschall (Sonografie), aber auch neurologische Untersuchungen, wie Elektromyogramm (EMG) oder Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) oder die Ableitung Evozierter Potentiale (EP). Bei Fehlen von Hinweisen, die eine Behandlung verbieten, kann die manualmedizinische Probebehandlung mit Probezug und Mobilisation, gelegentlich auch die Chirotherapie mit Impuls die Beschwerden beheben oder lindern. Muskel-Spannungs-Verkettungen können durch verschiedene Entspannungstechniken (z.B. myofasziales Lösen) , auch Kraniosakrale Therapie (KST) gelöst werden.
Zusätzlich können - besonders bei Akuten Beschwerden - Injektionen mit Medikamenten zur örtlichen Betäubung (Lokalanästhetika) zur Anwendung kommen (Therapeutische Lokalanästhesie, TLA). Zur länger anhaltenden Entzündungshemmung und damit Schmerzlinderung können Cortisonpräparate beigefügt werden. Auch Akupunktur kann in akuten wie auch chronischen Fällen sehr hilfreich sein und – wie die Manuelle Medizin – Medikamente einsparen und Nebenwirkungen verhindern.
Auch wenn eine Kernspintomografie einen Bandscheibenvorfall ergeben hat, muss nicht unbedingt gleich operiert werden. Entscheidend ist dafür der neurologische Befund. Die Schmerzen sind dabei nicht entscheidend. Bei Auftreten einer „Minus-Symptomatik“ (Verlust von Reflexen, Kraft und Gefühl), insbesondere bei Störungen beim Wasserlassen und Stuhlgang, muss unverzüglich gehandelt werden.

Zu 1b) Kopfschmerzen
Kopfschmerz ist die Bezeichnung für eine sehr große Anzahl verschiedenartiger Beschwerden, besonders Schmerzen im Kopfbereich. Es gibt sehr viele Ursachen. Im orthopädischen Bereich sind vordergründig Funktionsstörungen der Halswirbelsäule (HWS), der Brustwirbelsäule (BWS) und des Zahn-Kiefer-Kau-Systems (Craniomandibuläres System, CMS) zu nennen. Diese sind charakterisiert durch ein gestörtes Zusammenspiel von Muskeln und Muskelgruppen mit Verspannung, Verkürzung, Abschwächung oder Ansatzentzündungen. Begünstigt werden kann dies durch anlagebedingte Normabweichungen des Bewegungssystems, durch Wachstumsstörungen, Verletzungen und Erkrankungen mit Strukturveränderungen, aber auch durch Stress und Überlastung. In jedem Fall bestehen enge Verknüpfungen von Organbeeinträchtigungen, Funktionsstörungen, seelischen und äußeren Einflüssen. Gerade bei Kopfschmerzen ist ganzheitliche Betrachtungsweise erforderlich.
Orthopädie, Manuelle Medizin, Atlastherapie, Osteopathie, Akupunktur und Therapeutische Lokalanästhesie (TLA) bieten bei akutem und chronischem, besonders auch bei Spannungskopfschmerz bieten die bewährte Grundlage für Diagnose und Therapie. Häufige Ursache sind sog. Blockierungen (Segmentale Bewegungsstörungen der Wirbelgelenke und Rippen/Wirbelgelenke, bei Beeinträchtigung der Muskelfunktion und ihrer Steuerung durch Nervenstrukturen). Diese können nach entsprechender Untersuchung und Ausschluss struktureller Erkrankung gelöst und damit die Beschwerden meist schnell und leicht behoben werden.

Zu 1c) Gelenkverschleiß (Arthrose)
Belastungs- und Altersbedingte Umformungen und Strukturveränderungen von Gelenken werden Arthrose genannt. Sie wird begünstigt durch anlagemäßige oder erworbene Achsabweichungen oder Muskelfehlfunktion und verstärkt durch Fehl- und Überbelastung.
Knorpelabrieb führt zu Unebenheiten und Aufbrüchen der Knorpelschicht und zur Verschmälerung des Gelenkspaltes, dies wiederum zu verstärkter Achsabweichung.
Arthrose an sich muss nicht schmerzhaft sein. Beim Knorpelabrieb kommt es jedoch zum Absterben von Knorpelzellen, zur Freisetzung von Enzymen und dadurch zur Zerstörung weiterer Knorpelzellen und zu Reizung der Gelenkinnenhaut (Synovia). Diese produziert vermehrt Gelenkflüssigkeit, die nicht angemessen wieder resorbiert werden kann. Es entsteht ein Gelenkerguss. Diese Entzündungsreaktion nennt man Aktivierung der Arthrose, die „Aktivierte Arthrose“. Dieser entzündlich Reizzustand eines Gelenkes ist verantwortlich für den Schmerz und die vermehrte Bewegungseinschränkung. Er ist Ziel der Akutbehandlung mit Medikamenten und Physiotherapie. Knorpelaufbaupräparate (Hyaluronsäure u.ä.), die in den Gelenkinnenraum injiziert werden, können den Abbau verzögern und Aktivierung der Arthrose verhindern oder vermindern. Erst, wenn der Verschleiß so stark fortgeschritten ist, dass konservative Behandlung nicht mehr anspricht und die Lebensqualität zu sehr beeinträchtigt ist, werden Gelenkersatzoperationen erforderlich.

Zu 1d) Gelenkentzündung (Arthritis)
Ursache für eine Arthritis kann eine rheumatische Erkrankung, eine Entzündung durch Bakterien im Gelenk oder „reaktiv“ durch Entzündungen in anderen Körperregionen bedingt sein. Auch Stoffwechselerkrankungen kommen in Frage. Die Behandlung ist vordergründig medikamentös. Da sie aber immer auch mit Funktionsstörungen verbunden sind, sind manualmedizinische und physikalische Therapien erforderlich, besonders nach Abklingen der Akutphase.

Zu 1e) Knochenentkalkung (Osteoporose)
Von Osteoporose betroffen sind keineswegs nur Frauen nach den Wechseljahren (Menopause). Auch Männer können darunter leiden. Auch andere Erkrankungen und vor allem Medikamente (z.B. Cortison) können Osteoporose verursachen. Neben der medikamentösen Behandlung ist die Bewegungstherapie, besonders die eigene Aktivität erforderlich. Beeinträchtigende Schmerzen und Funktionsstörungen können durch kombinierte Maßnahmen der Orthopädie, Manuelle Medizin, Osteopathie und Therapeutische Lokalanästhesie gemindert werden.

Zu 1f) „Weichteilrheuma“ (Fibromyalgie)
Die Diagnose „Fibromyalgie“ ist umstritten. Neben Auffassungen selbst namhafter Ärzte wie „gibt es nicht!“ oder „alles psychisch!“ oder „Rentenbegehren!“ gibt es inzwischen durchaus seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse über dieses für die Betroffenen schwerwiegende Krankheitsgeschehen. Problem dabei ist, dass apparate- und labormedizinisch nachweisbare Befunde in der Regel fehlen. Ganzheitliche Betrachtungsweise, angemessene Physiotherapie, psychologische Begleitung, einfühlsame Führung der PatientInnen (Frauen sind häufiger betroffen) und viel Geduld auf beiden Seiten sind Voraussetzung für langfristige Hilfe.
Oberstes Ziel ist die (Re-)Aktivierung der Betroffenen.

Zu g) Wachstumsstörungen
Schmerzen im Wachstumsalter sollten immer Anlass sein für gründliche Abklärung. Sie sollten nicht leichtfertig mit „Dreimonatskoliken“, „Wachstumsschmerzen“, „Schulkopfschmerzen“, „Das gibt sich von alleine“ oder ähnlichen Vertröstungen abgetan werden. Die Differenzierung von Strukturveränderungen und Funktionsstörungen ist hier unverzichtbar. So können „Wachstumsschmerzen“ strukturell durch Absterben von Knochen/Knorpelgewebe an bestimmten Skelettorten und in typischen Altersstufen (Aseptische oder avaskuläre Knochennekrosen) bedingt sein, aber auch durch Funktionsstörungen in den Übergangsbereichen der Wirbelsäule, besonders Kopf- und Kreuz/Darmbein-Gelenke (Iliosakralgelenke, ISG) mit entsprechenden Muskelverspannungen. Ebenso kommen traumatische und Fehl- und Über-Belastungen als Ursache in Frage. Bei länger bestehenden oder wiederkehrenden Beschwerden müssen andere Organerkrankungen ausgeschlossen werden.
Der „klassische Wachstumsschmerz“ ist Ausdruck einer (häufiger wiederkehrenden) Funktionsstörung. Da diese Funktionsstörungen in Wachstumsschüben und bei Zahnwechsel, (aber auch nach Stürzen und anderen Verletzungen) auftreten, ist die Bezeichnung „Wachstumsschmerz“ wohl plausibel, jedoch ist die Konsequenz eben die, dass Behandlung möglich und auch nötig ist.

Zu 1h) Unfallbehandlung und Unfallnachbehandlung
Art und Umfang einer Verletzung ist abhängig von Intensität, Dauer und Richtung der von außen einwirkenden Gewalt und vom Ort der Neutralisierung der zugeführten Energie im Körper. Hautverletzungen sind Ausdruck direkter, Zerrungen eher indirekter Gewalteinwirkung. Folgen einer Gewalteinwirkung ist in der Regel eine Zerstörung von Körperstrukturen, die wieder (ggf. mit Narbenbildung) ausheilen müssen. Intensität und Dauer können aber auch so gering sein, dass kein Struktur zerstört, sondern nur die Funktion gestört wird. Dies Funktionsstörung kann jedoch „gespeichert“ werden und als Beschwerdekomplex bestehen bleiben, gelegentlich für längere Zeit oder auf Dauer. Hier hat die Manuelle Medizin Möglichkeiten der Analyse und Differenzierung und der Therapie. Auch längerfristige Beschwerden nach strukturellen Verletzungen, besonders nach Operationen oder Gipsruhigstellung können so häufig analysiert, behoben oder gemindert werden.

Zu 2a) Chirotherapie
Fast alle Strukturen des Organismus können Schmerzen verursachen bei Erkrankungen oder Störungen der Funktion. Im Bewegungssystem finden sich die meisten Schmerzen in den Muskeln. Auch Nerven können durch Einengung oder Entzündung schmerzen. Weitere Schmerzquellen sind Bänder und Sehnen, besonders an ihren Ansätzen, sowie Gelenke und Knochen. All diese Strukturen sind in ihrer Funktion aufeinander abgestimmt. Verletzungen, Verschleiß, Entzündungen oder Tumoren können dieses Zusammenspiel stören. Diese Veränderungen („Strukturläsionen“) sind immer mit Funktionsbeeinträchtigung verbunden in unterschiedlicher Ausprägung. Häufig kommen jedoch auch Funktionsstörungen ohne Strukturläsion vor. Dies ist Gegenstand der Chirotherapie: Behebung einer Funktionsstörung und Wiederherstellung der normalen Funktion. Bei Strukturläsionen wird durch die Chirotherapie nur die begleitende Funktionsstörung behoben, wodurch jedoch ein wesentlicher Teil der Beschwerden gelindert und ggf. die Ausheilung der Strukturläsion gefördert werden kann.

Zu 2b) Blockierung
Ursprünglich wurde die Blockierung definiert als eine Bewegungseinschränkung eines Gelenkes in eine oder mehrere Richtungen, mit Auswirkungen auf die dazugehörigen Nervenstrukturen und Muskeln. Das aktuelle Denkmodell einer Blockierung geht aus von einer Irritation von Nervenrezeptoren mit fehlerhafter Steuerung der dazugehörigen Muskeln. Diese ändern ihre Spannung, das Zusammenspiel der Muskelgruppen wird gestört. Entsprechende Muskelverspannungen beeinträchtigen den Bewegungsspielraum des betroffenen Gelenkes.
Auslöser dafür können verschiedene Reize der Rezeptoren sein wie Zerrungen, Stauchungen, Zerreißungen, Knochenbrüche, Verschleiß, Entzündungen und andere Strukturläsionen, aber auch Fehl- und Überbelastungen.
Blockierungen von Wirbelgelenken beeinflussen in der Regel alle Strukturen, die einem Wirbel- Segment zugeordnet sind: Zwei benachbarte Wirbelkörper und die Bandscheibe, die dort austretende Nervenwurzel, Bänder und Gelenkkapsel. Alle von der austretenden Nervenwurzel versorgten Strukturen: Haut, Unterhaut, Fasern des vegetativen und des Zentralnervensystems, Muskeln, Faszien, Knochen, Gelenke, Bänder, Sehnen, Blut- und Lymphgefäße werden als Metamer bezeichnet. Bei einer Blockierung („Segmentale Bewegungs- oder Funktionsstörung“) können also alle Strukturen des Metamers betroffen sein.
Bei einer Blockierung im System eines Gelenkes der Extremitäten, der „peripher-artikulären“ Störung, können über die Verschaltung mit den rückführenden („afferenten“) Nervensträngen Reaktionen im Rückenmark, aber auch im Gehirn ausgelöst werden, die wiederum über die hinführenden („efferenten“) Nervenfasern die Strukturen eines Segmentes und des gesamten Metamers beeinflussen können.
„Blockierungen“ haben also mit „ausgerenkten“ Gelenken nichts zu tun.
Bei der chirotherapeutischen Lösung von Blockierungen werden aber die Gelenke als Zugang zu dem Störkomplex genutzt, indem durch die Manipulation die beiden Gelenkpartner, die aufeinander haften, voneinander gelöst werden durch einen sehr kurzen und schnellen Zug mit geringem Kraftaufwand nach vorheriger Gewebeanspannung. Durch dieses Klaffenlassen der Gelenkflächen wird meist das bekannte „Knackgeräusch“ ausgelöst, das für die manipulative Chirotherapie typisch ist. Durch Mobilisation, Muskelentspannungstechniken und andere Maßnahmen können ebenfalls Blockierungen gelöst werden, was insbesondere im Bereich der Halswirbelsäule immer häufiger bevorzugt wird. Allerdings ist auch der Zeitaufwand dafür wesentlich höher.

Zu 3a) Schräglagedeformitäten von Säuglingen und Kleinkindern.
Prof. Mau hat 1965 im „Siebenersyndrom“ 7 häufige Symptome bei Asymmetrien im Säuglingsalter beschrieben: „1. Hackenfüße; 2. ovaläre Verformung des Kopfes mit Abflachung einer Hinterhauptseite (Plagiocephalie); 3. gleichseitige Rückenabflachung mit Fixation der WS, wobei die Konvexität zur kontralateralen Seite gerichtet ist; 4. gleichseitige Abflachung des Beckens, dabei erscheint die eine Seite weniger sagittal u. etwas höher gestellt. 5. Schiefhaltung des Kopfes wie beim angeborenen Schiefhals; 6. Abspreiz- Behinderung der Beine inf. Kontraktur der Hüftadduktoren mit leichter Hüftdysplasie;
7. fixierte lumbodorsale Kyphose der WS.“ ( Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 258.Aufl.)
Die Verformung wurde einer einseitigen, „falschen“ Lagerung des Neugeborenen angelastet.
Von einer Spontanen Korrektur der Fehlhaltung wurde ausgegangen, kurzfristige und gewissenhafte Kontrollen jedoch angemahnt und krankengymnastische Behandlung bei Nichtbesserung oder zunehmender Verschlechterung gefordert. Diese Auffassung entspricht weitgehend auch dem heutigen universitätsorthopädischen Denkmodell. Die Beteiligung der Kopfgelenkregion an der Steuerung der frühkindlichen Reflexe und die Bedeutung von Funktionsstörungen dieser Region war damals wie heute nicht allgemein bekannt.
Im wesentlichen deckt sich der Begriff: „Schräglagedeformität“ mit der ursprünglichen Definition des „KISS“ oder auch des „TAS“.


Zu 3b) „Schrei- und Spuckbabies“
Das Denkmodell der Manuellen Medizin interpretiert im Zusammenhang mit der Kopfgelenkblockierung die starke Fehl- und Überreizung der Nervenrezeptoren (Proprio- und Nozizeptoren) der Nackenregion und dadurch bedingte Schmerzempfindlichkeit als eine Ursache für das permanente Schreien der betroffenen Säuglinge. Die damit verbundene hochgradige Verspannung der tiefen Nackenmuskeln( bes. M. Rect. cap. lat.) führt zur Irritation des Nervus Vagus und damit zu vegetativen Störungen des Magen-Darmtraktes mit häufigem Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung, Blähungen und sog. 3-Monatskoliken. Auch die beiden anderen Hirnnerven, die mit dem N. Vagus die Schädelhöhle durch das Foramen Jugulare verlassen, nämlich N. Glossopharygeus und N. Accessorius, können durch Irritation symptomatisch werden mit Schluckstörungen und Kopfschiefhaltung.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Auswirkungen nicht nur in eine Richtung erfolgen: Magen- und Darmstörungen können über die Vagusreizung rückwirkend im Sinne eines „Teufelskreises“ Einfluss auf die Kopfgelenkregion nehmen und dort zu wiederkehrenden Blockierungen führen.


Zu 3c) „3-Monats-Koliken“
Viele Säuglinge neigen typischerweise im 3. Lebensmonat zu vermehrten Bauchschmerzen, häufig in Verbindung mit Blähungen. Es handelt sich dabei um Sog. funktionelle Bauchschmerzen ohne Nachweis einer definierten Erkrankung mit struktureller Schädigung.
Meist klingen die Beschwerden über kurz oder lang spontan wieder ab.
Aus manualmedizinischer Sicht sind 2 Denkmodelle zur Erklärung zu nennen:
1. Eine segmentale Störung („Blockierung“) der mittleren Brustwirbelsäule, aus der die Nervenversorgung des Darmes, aber auch der Bauchmuskeln erfolgt, kann zu Tonus-(= Eigen-, Ruhespannung) -änderungen der Bauch- und der Darmwand-Muskeln führen. Dadurch kann die Peristaltik (= wellenförmige Eigenbewegung des Darmes zum Weitertransport des Darminhaltes) gestört werden. Blähungen, Verstopfung und Schmerzen sind die Folge.
2. Eine Reizung des Nervus Vagus (z.B. durch Kopfgelenkblockierung) kann die vegetativen Funktionsabläufe des Darmes stören (s. 3b).
Daraus ergibt sich, dass 3-Monatskoliken häufig durch Funktionsstörungen anderenorts bedingt und durchaus behandelbar sind.


Zu 3d) „KISS“
Der Begriff: „KISS“ = Kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung wurde von Dr. H. Biedermann eingeführt und in einem kleinen Buch beschrieben ( „KISS-Kinder“, Enke Ferdinand 1997, 2. Auflage: Thiemeverlag Stuttgart 2006).
Ursprünglich war eine rein funktionelle Fehlhaltung des Körpers und Verformung des Schädels, sowie einseitige Lage des Kindes gemeint, im Wesentlichen dem Siebenersyndrom nach Mau und der Schräglagedeformität der Säuglinge entsprechend.
Später wurde unter „KISS“ eine Vielzahl von Entwicklungsauffälligkeiten und Verhaltensstörungen (Z.B. ADS, ADHS, Hörverarbeitungs- u. Wahrnehmungsstörungen, Sprachentwicklungsverzögerungen, Legasthenie usw.) subsummiert. Ob die funktionelle Störung der Kopfgelenkregion für die Summe der genannten Erkrankungen Ursache ist (Kausalität) oder nur ein gemeinsames zeitliches Auftreten (Koinzidenz) besteht, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Nach meiner Auffassung besteht für beides eine gemeinsame Ursache (Z.B. Sauerstoffmangel in der Geburtsphase), die sich allerdings häufig dem apparatemedizinischen Nachweis entzieht. Auf jeden Fall besteht aber eine gegenseitige Beeinflussung, so dass durch die manualmedizinische und osteopathische Behandlung das Gesamterscheinungsbild des Störkomplexes positiv verändert werden kann.
Im Internet findet sich inzwischen eine fast unübersehbare Menge von Homepages Kommentaren, Hinweisen, Erfahrungsberichten und mehr oder weniger wissenschaftlichen Abhandlungen, so dass die Verwirrung eher größer ist als die Information. Es können jedoch bei geduldiger Suche viele hilfreiche Hinweise und Adressen gefunden werden.


Zu 3e) „TAS“
Die Aegamk = Ärztegesellschaft für Atlastherapie und Manuelle Therapie bei Kindern (www.aegamk.de) bevorzugt als Bezeichnung für die Lageasymmetrie und funktionellen Störungen die Diagnose: „TAS“ = Tonus-Asymmetrie-Syndrom. Tonus = Eigen-, Ruhespannung der Muskeln. Die Schlüsselregion für die Funktionsstörungen ist zwar meistens die Kopfgelenkregion, andere Regionen mit besonderen Anhäufungen von Nervenrezeptoren können ebenso Ursache sein, wie z.B. die ISG = Iliosacralgelenke (oder SIG = Sacroiliacalgelenke oder Kreuz- Darmbeingelenke) oder die Kiefergelenke.
Das Charakteristische am KISS oder TAS ist nicht eine Gelenkstörung, sondern eine Fehlinformation von Nervenrezeptoren und eine dadurch bedingte Tonusstörung bestimmter Muskeln und Muskelgruppen. Durch einseitige Muskelverspannungen kann die Beweglichkeit von Gelenken eingeschränkt und passive Bewegungen schmerzhaft sein. So kann der Kopf beispielsweise nur nach einer Seite gehalten werden; die Drehung zur eingeschränkten Seite wird vermieden und kann schmerzhaft sein. Durch unsymmetrischen Zug der Muskeln an der Schädelaußenseite und auch durch Verziehungen (Restriktionen) der Hirnhäute (Dura) im Schädelinneren kann der Schädel verformt und asymmetrisch werden. Das Kind liegt auf der Seite, weil der Kopf schief ist und nicht umgekehrt. Schuldzuweisungen an die Mutter wegen falscher Lagerung des Säuglings sind also abwegig! Allerdings kann durch nicht behandelte längere Zeit fortbestehende einseitige Lagerung die Asymmetrie verstärkt werden.
Nach neueren Erkenntnissen steht also nicht mehr das Gelenk und die Gelenkblockierung im Vordergrund, sondern die neuromuskuläre Fehlsteuerung („Grundlagenforschung trifft Manualmedizin“, Ergebnisse der Bodenseekonferenz, Juli 05. Zeitschrift Manuelle Medizin 2005.43: 385-394, Springerverlag.) Auch dieser Störkomplex kann durchaus weiter als Blockierung bezeichnet werden, nur eben mit einer anderen Interpretation.
Ziel der Behandlung ist demnach nicht ein Gelenk, sondern Rezeptoren an Muskeln, Faszien, Bändern, Gelenkkapseln sowie den Hirn- und Rückenmarkshäuten (Dura). Dabei kann ein Gelenk durchaus als Zugangsstruktur in einen Störkomplex dienen (wie z.B. Hautareale bei der Akupunktur).
Außer der „klassischen“ manuellen Lösung der „Kopfgelenkblockierung“ mit „Knackimpuls“ gibt es eine Reihe anderer Behandlungstechniken, die insbesondere für die Eltern nicht so „belastend“ sind. Besonders die Atlastherapie nach Arlen ist geeignet, Tonusstörungen auszugleichen. Auch osteopathische Techniken wie myofsziales Lösen, craniosacrale Therapie, Positionieren nach Jones u.a.sind sehr gut geeignet, die Manipulation zu ersetzen.


Zu 3f) Motorische Entwicklungsverzögerung (MEV)
Die motorische Entwicklung des Kindes verläuft normalerweise in bestimmter Reihenfolge und Zeitrahmen. Werden physiologische Normabweichungen überschritten, spricht man von motorischer Entwicklungsstörung. Ursachen dafür können funktionelle Störungen oder strukturelle Schädigungen sein.
Unzureichende Sauerstoffversorgung des Gehirnes vor und unter der Geburt können zu unterschiedlich ausgeprägten Hirnschäden führen. Sie könne so gering sein, dass sie apparatemedizinisch nicht nachweisbar sind; oder so stark, dass spastische Lähmungen u.ä. entstehen.
Ziel der Manuellen Therapie sind die Funktionsstörungen, die allein oder in Begleitung struktureller Schäden auftreten können. Dies sind besonders Blockierungen der Kopfgelenke, der ISG und anderer Wirbelsäulenbereiche und die damit verbundenen neuromuskulären Fehlsteuerungen. Die Beseitigung der Funktionsstörungen kann nicht strukturelle Schäden beheben, das Gesamterscheinungsbild kann jedoch positiv beeinflusst und die motorische Entwicklung gefördert werden.


Zu 3g) Sensomotorische Integrationsstörung (SI)
Die Sinneswahrnehmungen sind nicht beschränkt auf Hören, Sehen, Riechen, Schmecken oder Fühlen, sondern beinhaltet auch das Körperempfinden, das Verhältnis der Körperregionen zueinander und des Körpers zur Umgebung. Dabei spielt z.B. das Gleichgewicht eine große Rolle. Bei Kindern ist häufig die zentrale Steuerung gestört, sie haben Koordinationsstörungen, finden ihre „Mitte“ nicht; rechte und linke Körperhälfte „passen“ nicht zusammen. Das Hüpfen auf einem Bein ist beispielsweise ein- oder beidseitig nur eingeschränkt möglich. Das Gefühl für Gefahren ist gestört, Höhen können nicht abgeschätzt werden; es kommt zu häufigen Stürzen oder zu Übervorsichtigkeit und Ängstlichkeit. Dies sind nur einige Hinweise zu der sehr umfangreichen und vielschichtigen Problematik.
Ursache ist in der Regel eine strukturelle Schädigung des Gehirnes vor oder während der Geburt; aber auch Erkrankungen nach der Geburt können SI-Störungen nach sich ziehen.
Da diese strukturellen Schäden regelhaft begleitet sind von funktionellen Störungen, ist auch hier die manuelle Medizin in der Lage, Verbesserungen des Gesamterscheinungsbild zu erreichen, Ersatzfunktionen zu ermöglichen und den Effekt der krankengymnastischen Behandlung zu fördern.


Zu 3h) Hörwahrnehmungs- und Hörverarbeitungsstörungen
Bei Kindern mit den Genannten Hörstörungen finden sich sehr häufig Begleitstörungen des Bewegungssystems, besonders der Halswirbelsäule. Anatomische Normvarianten des Kopf/Hals-Überganges und Funktionsstörungen der vorderen Hals-, der Zungengrund-, der Kau- und Mundmuskulatur sind sehr häufig vergesellschaftet, verbunden mit Beeinträchtigung der Funktionssysteme „Kopfgelenke“ und „Kiefergelenke“.
Je früher manualmedizinische Behandlungsmaßnahmen zur Anwendung kommen desto besser die Erfolgsaussichten.
Hier spielt – wie auch bei den Sprachentwicklungsstörungen – die orofaziale Regulationstherapie nach Castillo Marales eine große Rolle.

Dr. med. Peter Henning   •   Galle-Berger-Weg 12   •   29640 Schneverdingen   •    Fon: 05193-3885   •   Fax: 05193-972406